Leben und Wirken

Alice Salomon ist am 19. April 1872 in Berlin geboren als viertes Kind eines jüdischen Lederhändlers. Die Familie gehörte zur emanzipierten und assimilierten jüdischen Mittelschicht. Sie wollte Lehrerin werden, aber die Eltern ließen eine Berufsausbildung nicht zu. Durch Privatunterricht bildete sie sich weiter.

Mit 21 Jahren ging sie zur Gründungsversammlung der Berliner „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“. Sie arbeitete ehrenamtlich mit und lernte aus eigener Anschauung das Elend der Berliner Arbeiterinnen und Arbeiter kennen.

In England wurde sie mit der Idee der Settlementbewegung (Stadtteil-Arbeit) vertraut, die ihr weiteres soziales Engagement beeinflusste. Mit 27 Jahren wurde sie Vorsitzende der „Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit“. Sie organisierte den ersten Jahreskurs für Berufsausbildung in der Wohlfahrtspflege, mit dem in Deutschland die systematische Ausbildung für die soziale Arbeit begann.

Mit 28 Jahren wurde Alice Salomon in den Vorstand der Dachorganisation der deutschen Frauenbewegung, den „Bund deutscher Frauenvereine“ (BDF), gewählt, Von 1900 bis 1920 wirkte sie als Schriftführerin und stellvertretenden Vorsitzende des BDF. Ihre Wahl zur Vorsitzenden scheiterte an antisemitischen Strömungen im BDF.

Von 1902 bis 1906 studierte sie an der Berliner Universität Nationalökonomie (Volkswirtschaft), Geschichte und Philosophie. Als Zugangsberechtigung reichten ihre Publikationen in dem von Helene Lange und Gertrud Bäumer herausgegebenen Handbuch der deutschen Frauenbewegung, denn sie hatte kein Abitur und – wie damals üblich - nur 9 Jahre Schule durchlaufen. 1906 promovierte sie als eine der ersten Frauen zum Doktor der Philosophie. Zweimal musste sie den Antrag auf Zulassung zur Promotion stellen. Thema der Promotion: Ursachen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit.

1989 wurde eine Briefmarke zu Ehren von Leben, Werk und Bedeutung von Alice Salomon herausgebracht.

Neben dem Engagement in der sozialen Frauenarbeit und der Frauenbewegung war ihr Anliegen stets auch die Bildung und die wissenschaftliche Durchdringung der Verhältnisse. 1908 hob Alice Salomon deshalb auch folgerichtig in Berlin-Schöneberg zusammen mit anderen die „Soziale Frauenschule“ aus der Taufe, die sie bis 1924 leitete.

1914 konvertierte Alice Salomon zum christlichen Glauben und trat in die evangelische Kirche ein.

1925 gründete sie in Berlin die „Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ mit einer eigenen Abteilung für empirische Forschung. Sie wurde die erste Vorsitzenden und war Herausgeberin einer Schriften- und Forschungsreihe. Die Akademie widmete sich der Fortbildung von Führungskräften der Sozialarbeit.

1916/17 initiierte und organisierte sie die Konferenz der Sozialen Frauenschulen Deutschlands, die sie bis 1933 leitete. 1929 war sie maßgeblich beteiligt an der Gründung des Internationalen Komitees sozialer Schulen (heute: International Association of Schools of Social Work/ IASSW), dem sie auch bis 1933 vorstand. die Projekte bestehen bis heute. Allein die Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit wurde nach 1945 nicht wieder neu gegründet. Alice Salomon hatte sie 1933 aufgelöst, um der drohenden Hausdurchsuchung und Liquidierung durch die Gestapo zuvor zu kommen.

Zu ihrem 60. Geburtstag wurde sie öffentlich geehrt. Die Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin verlieh ihr den medizinischen Ehrendoktortitel Dr. med. h.c. Das preußische Staatsministerium übergab ihr die „Silberne Staatsmedaille“. Die „Soziale Frauenschule“ erhielt den Namen „Alice-Salomon-Schule“. Ebenso wurde sie im selben Jahr zur stellvertretenden Vorsitzenden des „Internationalen Frauenbundes“ gewählt.

1933 wurde Alice Salomon aus allen öffentlichen Ämtern verdrängt und im Alter von 65 Jahren 1937 vor die Wahl gestellt in ein KZ verschleppt zu werden oder innerhalb weniger Wochen zu emigrieren. Alice Salomon starb im Alter von 76 Jahren zurückgezogen in New York. Aus der „Sozialen Frauenschule“ ging 1971 die „Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik“ hervor, die heute „Alice-Salomon-Fachhochschule“ genannt wird.

 

Würdigung

Bis 1933 reformierte Alice Salomon die gesamte sozialpädagogische Arbeit in Deutschland mit dem Ziel, weg von den Begriffen „Barmherzigkeit und Nächstenliebe“ hin zu den Begriffen: „Gerechtigkeit und Arbeit“. Sie schuf das Berufsbild des modernen Sozialarbeiters und zeigt dabei zukunftweisende Wege auf, die bis heute nicht abgeschlossen sind.

Sie ist eine der herausragenden Persönlichkeiten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Sie war weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Die 1908 von ihr gegründete „Soziale Frauenschule“ und die 1925 ins Leben gerufene „Akademie für soziale und pädagogischen Frauenarbeit“ genossen großes internationales Ansehen. Sie war ein Diskussionsforum. Zusammen mit Sozialreformerinnen vor allem in den USA und Groß-Britannien prägte Alice Salomon die Entwicklung moderner sozialer Praxis, für die sie die theoretischen und pädagogischen Grundlagen legte.

Alice Salomon war initiativ, aufklärend, innovativ, interdisziplinär und global denkend. Und sie war in mehreren Rollen vorbildlich als

Lehrerin und Schulleiterin: Sie unterrichtete und leitete die „Soziale Frauenschule“ sowie die „Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“. Sie unterrichtete sowohl jungen Frauen als auch Führungskräfte in der Sozialarbeit.

Publizistin: Sie schrieb 15 Bücher und verfasste 400 Aufsätze. Wissenschaftlerin: Sie promovierte nicht nur als eine der ersten Frauen und legte einen eigenständigen Ansatz zur Erklärung der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frauenarbeit vor. Sie führte vor allem wichtige praxisorientierte Forschungen, besonders im Bereich Familienforschung durch und gab diesen Forschungen mit der "Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit“ einen institutionellen Rahmen.

Politikerin: Sie war im Bund Deutscher Frauenvereine und im International Council auf Women tätig und setzte sich für die gemeinsamen Rechte von Frauen, wie auch für die speziellen Rechte von Arbeiterinnen und bürgerlichen Frauen ein.

Rednerin: Sie begeisterte in vielen Vorträgen immer wieder ihr Publikum bei Auftritten, bei denen es um soziale Gerechtigkeit, soziales Engagement und der Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben ging.

Das Werk von Alice Salomon ist wegweisend in der Entwicklung einer sozialen Ethik in Verbindung mit privater und öffentlicher sozialer Verantwortung. Sie suchte und formulierte in einer Zeit, in der die überkommene christlich-religiöse Begründung öffentlicher Moral in Frage gestellt wurde, eine grundlegende neue Begründung von Moral und sozialer Verantwortung, indem die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen in den Mittelpunkt stellte.

Sie zeigte, wie soziale Themen und Probleme formuliert werden und in den öffentlichen Diskurs treten. Es gibt keinen Gegensatz zwischen Theorie und Praxis, beides gehört zusammen. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskussion um die soziale Verantwortung und die Vermeidung einer Zwei-Klassen-Gesellschaft sind die Schriften von Alice Salomon von grundlegender Bedeutung.

Denn es geht ihr um die Verwirklichung sozialer Gerechtigkeit und Wahrnehmung sozialer Verantwortung.

 

1937 beeindruckend: Abschiedsbrief an die Freunde

„Ihr wisst, dass ich immer unerschütterlich an den Sieg des Guten in der menschlichen Natur geglaubt und dafür gelebt habe. Ich werde das alles auch weiter so halten nach dem Gesetz, nach dem ich angetreten.

Ich habe aus meiner christlichen Glaubenskraft alle Schicksale meines Lebens demütig aus Gottes Hand genommen. Ich nehme auch diese neue Wendung in der Gewissheit hin, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. So bin ich denen geneigt, auch die Anordnung zur plötzlichen Auswanderung als ein irdisches Manifest des göttlichen Willens zu deuten.“

 
Alice Salomon und die Hauswirtschaftliche Schule Hechingen

Sicher, Alice Salomon ist kein Kind unserer Region. Sicher, Alice Salomon ist auch nicht vielen Menschen bekannt – außer sie haben im sozialen Bereich studiert. Sicher, Alice Salomon war Jüdin bevor sie zum Protestantismus konvertierte und sie kann diese jüdische Herkunft mit ihrem jüdisch klingenden Namen nicht verleugnen.

Aber da setzt der erste interessante Gedanke ein: In Hechingen gibt es eine Synagoge, eine lange jüdische Tradition, einen untersützenden Verein und eine wachsende Anzahl jüdischer Einwohner. Alice Salomon passt zu Hechingen.

Außerdem hat auch Salomons Geburtsort Berlin eine direkte Verbindung zu Hechingen. Denn wer die Stadtgeschichte kennt, weiß: Als Fürst Konstantin in Folge der Märzrevolution 1848 das Zepter nicht annahm, kamen die drei katholischen Fürstentümer (Grafschaft von Hohenzollern-Hechingen sowie die von Hohenzollern-Sigmaringen und Hohenzollern-Haigerloch) vereinigt an das protestantische Königreich Preußen. Hechingen war Oberamtsstadt, die Provinzhauptstadt wurde aber das an der Donau gelegene Sigmaringen. Sitz des Königs und Reichshauptstadt war fortan Berlin.

So finden sich auch heute noch viele Merkmale in Hechingen, die eher an preußische Tradition als an schwäbisches Brauchtum erinnern. Und doch ist es hier gelungen, beide Elemente auf einmalige Art und Weise zu verknüpfen. Über Alice Salomon wird zwischen Berlin und Hechingen eine Brücke geschlagen.

Inhaltlich sind die Verknüpfungen sehr eng. Die Hauswirtschaftliche Schule hat sich zur Aufgabe gemacht, Jugendliche ohne Hauptschulabschluss zu einem Abschluss zu führen und für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Die Jugendlichen kommen oft aus sozial schwierigen Familienverhältnissen und gehören zu einer gesellschaftlich benachteiligten Gruppe. Es ist genau die Zielgruppe, die Alice Salomon am Anfang ihres Wirkens im Blick hatte. Waren zu ihrer Zeit vor allem die Frauen, besonders die Arbeiterinnen benachteiligt, so sind es heute die Jugendlichen ohne Zukunftschancen auf einen Arbeitsplatz. Hier hat Alice Salomon Vorbildcharakter: Es geht ihr um gleiche Bildungschancen, soziale Gerechtigkeit und Wahrnehmung sozialer Verantwortung.

Allerdings ist Alice Salomon in ihrer ganzen Persönlichkeit und mit ihrer Biografie vorbildlich. Sie hat sich ihre Chancen erkämpft und sie hat hartnäckig ihr Ziel verfolgt, aber letztlich nicht nur für sich, sondern für die Verbesserung der Verhältnisse anderer.

Für das Sozialwissenschaftliche Gymnasium ist eine Frau, die die gesamte sozialpädagogische Arbeit auf eine Professionalisierung der Sozialarbeit hin reformiert hat, eine wegweisende Mentorin. Sie verband Theorie und Praxis, sie zeigte, wie soziale Themen wahrgenommen, aufgegriffen und in den gesellschaftlichen Diskurs gebracht werden. Und sie führte diesen Bereich der Forschung und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu. Der Wille aufklärerisch zu wirken und interdisziplinär zu arbeiten, hat mehr denn je seine Gültigkeit. Müssen doch unter der „Dachbezeichnung: Sozialwissenschaften“ Disziplinen wie Psychologie, Pädagogik, Gerontologie, Soziologie, Anthropologie und nicht zuletzt Ökonomie vereint die Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens untersuchen und empirisch ermitteln.

Alice Salomon bot zu ihrer Zeit einen Kurs zur Berufsausbildung in der Wohlfahrtspflege an, weil in der Sozialarbeit ein dringender Bedarf vorhanden war. Wie würde sie heute die soziale Verantwortung definieren angesichts einer Gesellschaft, die immer älter wird und in der das Thema Pflege immer dringlicher wird? Eine Schule, die Altenpflegerinnen und Altenpfleger ausbildet und auch Führungskräfte in der Pflege weiterbildet, arbeitet im Sinne von Alice Salomon, die auch die Professionalisierung in der Pflege vorangetrieben hätte.

Alice Salomon ist ein würdiger Name für die Hauswirtschaftliche Schule. Er ist originell und Hechingen wie der ganze Kreis können an ihm lernen.

Karl-Heinz Rauch

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